Rede zum Abendempfang des 30. Göteborger Deutschlehrertags am 14.10.2017

Botschafter Heimsoeth Bild vergrößern Botschafter Dr. Hans-Jürgen Heimsoeth (© Auswärtiges Amt)

Rede zum Abendempfang des 30. Göteborger Deutschlehrertags

Es ist mir eine große Freude, das 30. Jubiläum des Göteborger Deutschlehrertags heute mit Ihnen zu begehen. Wie ich sehe, hat auch in diesem Jahr die Zusammenarbeit von deutscher Botschaft, Goethe-Institut und Göteborger Lehrerkomitee wieder Früchte getragen. Für die hervorragende Vorbereitung möchte ich mich ganz herzlich bei allen Beteiligten bedanken.

Seit ich bei meinem Dienstantritt vor gut einem Jahr mit der Schlagzeile „Junge Schweden wählen Deutsch in der Schule ab“ in der Zeitung „Dagens Nyheter“ begrüßt wurde, hat die Förderung der deutschen Sprache mein besonderes Augenmerk gefunden. In der Tat halte ich es mit Blick auf die überaus engen und vertrauensvollen Beziehungen, die Deutschland und Schweden seit vielen Jahren verbinden, für problematisch, dass gerade die junge Generation in Schweden wenig Interesse an der deutschen Sprache zeigt. Ihnen, liebe Deutschlehrer und –lehrerinnen, ist diese Problematik natürlich bestens bekannt. Sie stehen ja gewissermaßen „an der Front“ und sind Tag für Tag mit den bekannten Vorurteilen konfrontiert, z.B. dass Deutsch so viel schwerer zu lernen sei, obwohl Schwedisch mit Deutsch so eng verwandt ist wie sonst nur mit den nordischen Sprachen. Sie wissen auch, welche Gründe gerade in Schweden dafür sprechen, sich mit Deutschland und der deutschen Sprache zu beschäftigen: Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache in Europa, Deutsch ist Amtssprache in 5 Staaten Europas und eine wichtige Regionalsprache z.B. in Südtirol.

Der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin in diesem Jahr hat unterstrichen, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Deutschland für Schweden ist. Nur im Verbund  mit Deutschland kann Schweden seine Interessen in der EU erfolgreich vorantreiben. Darüber hinaus ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Schwedens. Mit circa 900 deutschen Unternehmen in Schweden und 1250 schwedischen Unternehmen in Deutschland steigt der Bedarf an Deutschkenntnissen stetig. Die fehlenden Deutschkenntnisse junger Schweden werden vielfach beklagt.

Die Entwicklung der letzten Jahre ist insgesamt gesehen aber durchaus positiv: Eine Studie des Goethe-Instituts aus dem Jahre 2015 hat gezeigt, dass Deutsch als Fremdsprache immer beliebter wird. Von 2010 – 2015 ist die Zahl der Deutschlernenden in Europa um 16% gestiegen – möge das auch Schweden betreffen! Wenn Deutsch heute im weltweiten Vergleich wieder auf Platz 4 der beliebtesten Fremdsprachen liegt, dann ist das nicht zuletzt der engagierten Arbeit der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer – auch in Schweden! - zu verdanken.

Wir, die deutsche Botschaft und die deutschen Mittlerorganisationen, in erster Linie natürlich das Goethe-Institut und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, unterstützen Sie gerne in Ihrer Arbeit und wir werden unser Engagement noch weiter verstärken.

-         Ein Leuchtturm unserer Sprachförderung ist natürlich die Deutsche Schule Stockholm, die zweitälteste Deutsche Auslandsschule, die seit über 400 Jahren besteht und geradezu modellhaft für die enge Verbundenheit unserer beiden Länder über die Zeiten hinweg steht.

-         Darüber hinaus hat die Partnerschulinitiative des Auswärtigen Amts in den letzten Jahren erheblich dazu beigetragen, die Deutschlerner in den Schulen weltweit zu vernetzen und die Sprachförderung zu dynamisieren. In Schweden gehören insgesamt 17 Schulen dem PASCH-Netzwerk an und das Interesse an dieser Form der Zusammenarbeit ist weiter ungebrochen. Wir sollten sie ausbauen!

-         Daneben gibt es natürlich weitere Angebote, mit denen das Goethe-Institut und die Deutsche Auslandsgesellschaft  speziell Sie, die Deutschlehrer und –lehrerinnen in Ihrer Arbeit unterstützt. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass diese Angebote nicht nur in Stockholm und Göteborg bzw. Lübeck vorhanden sind, sondern dass praktisch jeder überall in Schweden auf ein vielfältiges und ständig aktualisiertes Angebot an Information und Materialien zurückgreifen kann.

-         Besonders hervorheben möchte ich das PAD-Preisträgerprogramm. In jedem Jahr werden Stipendien des Pädagogischen Austauschdienstes für Sommerkursstipendien ausgeschrieben, für die sich Deutschlerner der 9. und 10. Klassen bewerben können. In diesem Jahr konnten fünf schwedische Jungen und Mädchen im Rahmen dieses Programms in den Sommerferien vier Wochen in Deutschland verbringen und an einem abwechslungsreichen Programm teilnehmen, bei dem sie nicht nur Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven erlebten, sondern auch mit Deutschlernern  aus vielen anderen Ländern zusammengetroffen sind. Ich kann Sie nur dazu ermuntern,  Ihre Schülerinnen und Schülern zu einer Bewerbung zu ermutigen, denn die Teilnehmer kommen hoch begeistert und motiviert von diesen Aufenthalten zurück.

-         Ergänzend zu den Angeboten, die sich an Sie, liebe Lehrerinnen und Lehrer richten, arbeiten wir auch eng zusammen mit den schwedischen Universitätsinstituten, an denen die künftigen Deutschlehrer ausgebildet werden und werben für den Beruf des Deutschlehrers.

Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir noch mehr tun können und müssen, um den Schülern und ihren Eltern, eine Entscheidung für das Schulfach Deutsch zu erleichtern.

Zum einen halte ich es für sinnvoll, ja notwendig, dass die schwedische Regierung mehr tut, um Fremdsprachen generell und Deutsch im Besonderen in der Schulbildung mehr zu fördern, will man Schweden auch in Zukunft als europäische Kulturnation  auf der Landkarte halten. Dazu könnte dann auch einer Rückkehr zu einer verpflichtenden zweiten Fremdsprache in allen Schulen gehören, wie es auch der EU – Sprachenpolitik entspricht. Sprachen und Sprachlehrer sollten den ihnen gebührenden Platz im Schulsystem halten und auch generell die Einstellung gegenüber Auslandsschuljahren aufgeschlossener sein. In diesem Sinne habe ich auch mit Ministern Fridolin, Ekström und Bah-Kuhnke und dem Skolverket gesprochen.

Aber es liegt natürlich auch an uns, die Attraktivität des Deutschen durchschlagender herauszustellen. Und da sind wir auch auf Sie, die Lehrer,  ihre Vorschlägen, Ideen und Gedanken angewiesen. Was würde ihre Schüler ansprechen?

Ich habe diese Frage auch mit Vertretern der deutschen Wirtschaft besprochen. Ein Gedanke, dem wir zurzeit näher treten, ist es ein Fonds zu schaffen, um Klassen, die anfangen Deutsch zu lernen, auch eine Reise nach Deutschland mitzufinanzieren. So etwas braucht etwas Zeit, ist aber auf dem Weg. Ich kann Ihnen aber heute schon sagen, dass Sie sich melden sollten, falls Sie eine Reise planen und es an den Finanzen zu scheitern droht. Die Deutsch-schwedische Handelskammer würde dann prüfen, ob man Ihnen helfen kann, auch bevor der Fonds geschaffen ist.

Wir suchen aber auch nach Wegen, die jungen Schüler, die sich für eine Fremdsprache entscheiden müssen, dort zu treffen, wo Sie sich heute meistens aufhalten – in den sozialen Netzwerken. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut prüfen wir, wie wir die neuen Medien das Image des Deutschlernens verändern, da Angebote wie Facebook oder Instagram heute das Leben und Denken der Jugendlichen in erheblichem Maße bestimmen. Wir wollen erreichen, dass nicht nur Berlin als hip und attraktiv wahrgenommen wird, sondern auch die Sprache, die in Berlin gesprochen wird.

Wir leben und arbeiten im 21. Jahrhundert. Dass König Gustav Adolf vor 400 Jahren zuerst auf Deutsch lesen und schreiben gelernt hat, spielt für die jungen Schweden keine Rolle mehr – und das ist verständlich. Nachdenklicher sollte aber machen, dass entscheidende Leuchttürme des „Schwedisch-seins“, letztlich auch mit den kontinentaleuropäischen Kulturen verbunden sind, die man immer weniger kennen wird, wenn man sich ausschließlich auf das englische und angelsächsische ausrichtet. Schweden ist z.B. zu Recht stolz auf seinen Nobelpreis. Aber kennt man noch die Verbindung Alfred Nobels zu Deutschland, zu Italien? Weiß man, wo er das Dynamit erfunden hat?  Vor 5 Tagen war ich in Mårbacka: schauen sie in der wunderbaren Bibliothek dort mal in den Bücherschrank oder den Tisch im Empfangsraum. Selma Lagerlöf sprach natürlich auch Deutsch und Französisch. Mehr Beispiele ließen sich anführen. Die kulturelle Basis, von der Schweden heute noch zehrt, ist eng mit Deutschland und anderen europäischen Ländern verbunden und mein Plädoyer ist, dass Schweden, mehr junge Schweden, den Weg wieder dorthin finden. Deswegen unser ceterum censeo: Läs tyska!

Meine Damen und Herren, der 30. Deutschlehrertag in Göteborg, der nun zu Ende geht, hat so viele von Ihnen zusammengeführt wie schon lange nicht mehr. Das ist für mich ein Zeichen, dass die Förderung der deutschen Sprache, der wir uns gemeinsam mit Ihnen verschrieben haben, auf dem richtigen Weg ist. Ich habe mit großer Freude gesehen, mit welchem Engagement in den verschiedenen Gruppen gearbeitet wurde. Ich hoffe und wünsche, dass Sie diesen Elan und die Anregungen, die sie hier gewonnen haben, mitnehmen können in Ihren Alltag und dass die Kontakte, die Sie hier knüpfen konnten, Sie weiter voranbringen.  

Jetzt wünsche ich uns allen einen schönen Abend und freue mich auf den weiteren Austausch mit Ihnen.