Ansprache zum Schweden-Fest in Wismar am 18. August 2017

Botschafter Heimsoeth Bild vergrößern Botschafter Dr. Hans-Jürgen Heimsoeth (© Auswärtiges Amt)

Es gilt das gesprochene Wort

Ansprachezum Schweden-Fest in Wismar  am 18. August 2017

Sehr geehrte Herr Bürgermeister, sehr geehrte Frau Ministerin, Botschafter Thöresson, lieber Per, kära Vänner från Sverige, meine Damen und Herren, liebe Schweden-Freunde,

ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung, in die Hansestadt Wismar zu kommen. Ich freue mich außerordentlich, bei dieser schönen  Veranstaltung ihrGast sein zu dürfen.Dieses Fest ist einzigartig als ein Wahrzeichen der freundschaftlichen und sich hervorragend entwickelnden deutsch-schwedischen Beziehungen.

Was mir bei der Vorbereitung für meinen Besuch in Wismar aufgefallen ist: dies ist ein freudiges Fest, ein Fest der Freude. Bunte Uniformen  prägen dieser Tage das Antlitz der Stadt, aber die kriegerischen Ereignisse der Vergangenheit prägen nicht dieses Fest. Es ist geprägt von der Freude, dass es gelungen ist, das Verbindende hervorzuheben und sich der Zukunft zuzuwenden.

Wismar ist eines der hervorragenden Beispiele, wie es  gelungen ist aufeinander zuzugehen, eine Eigenschaft die diesen Teil Europas, die Ostseeregion besonders, prägt. Dieses Schwedenfest  kann  zeigen, wie diese Fähigkeit sich der Zukunft zuwenden, unseren Kontinent prägen kann und prägen sollte.

Als ehemaliger Botschafter Deutschlands in der Ukraine kann ich nur unterstreichen, wie anders es in anderen Regionen aussieht, wo Großmachtansprüche auch heute noch zu Streit, zu eingefrorenen Konflikten und Krieg führen. Früher interessierte sich der Schwarzmeerkooperationsrat dafür wie es gelungen ist, die Ostseeregion weiterzuentwickeln und wollte dem Beispiel nachfolgen.

Für einen derartigen Erfolg ist aber auch der gute Wille aller Länder einer Region notwendig.

Ein nicht eingelöster Pfandbrief , wie er für die friedliche Rückkehr von Wismar in den deutschen Verbund genutzt wurde, hätte für die Krim als Instrument  für eine einvernehmliche Lösung vielleicht nicht ganz gepasst,  er ist jedoch ein interessantes Modell an das an vielleicht öfters mal in der internationalen Politik denken könnte.

Was bewegt einen deutschen Botschafter in Schweden im Jahr 2017?

Natürlich, in erster Linie, wie wir unsere Beziehungen noch dichter machen und die Bedeutung dieser Kooperation für Europa sichtbarer gestalten können.

Und ich freue mich, auch meinen schwedischen Kollegen in Berlin hier wieder zu sehen und ich glaube, es gibt kaum einen geeigneteren Ort als Wismar, uns auch über unsere gemeinsamen Interessen auszutauschen.

Ich denke, dass wir auf ein sehr erfolgreiches Jahr für die deutsch-schwedischen Beziehungen zurückblicken können: Seit meinem Amtsantritt vor ziemlich genau 12 Monaten habe ich sowohl einen Staatsbesuch des schwedischen Königspaars in Deutschland als auch einen Besuch der Bundeskanzlerin in Schweden begleiten dürfen.  

Der Staatsbesuch, der das Königspaar nach Berlin, Hamburg, Wittenberg und Leipzig führte, berührte natürlich auch die Geschichte, feiern wir doch dieses Jahr das 500-jährige Jubiläum der Reformation, diese Kirchenreform Martin Luthers und anderer, die unsere beiden Länder besonders tief berührt und gestaltet hat.

In Wittenberg konnten wir auch die Kirchenfenster sehen, die die Reformatoren Olaos und Laurentius Petri darstellen, zwei der bedeutendsten Figuren bei der Einführung des Luthertums in Schweden. Auf  Einladung der  Erzbischöfin der schwedischen lutherischen Kirche, Antje Jackelén, wird unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck, als Rostocker Schweden auch besonders verbunden, in genau einem Monat Göteborg und die dortige Buchmesse besuchen, ein wichtiger Treffpunkt in Skandinavien.

Aber natürlich ging es beim Staatsbesuch von König Carl Gustav und dann auch beim Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor allem um die Zukunft. Es geht um die Zukunft der EU, um Migration, das Klima, unsere gemeinsame Ostsee. In allen Fragen bedarf es der engen Abstimmung. Deutschland und Schweden ziehen dabei an einem Strang, die politischen Prioritäten liegen ganz nah beieinander. Ich komme noch darauf zurück.

Es ging aber auch um die Wirtschaft. Zur Zeit der Hanse herrschte reger Warenverkehr bereits über die Ostsee. Deutsche Kaufleute brachten Tuchsorten, Weine oder Gewürze und nahmen zum Beispiel schwedisches Eisen und andere Waren mit zurück, die z.T. über Visby aus Russland und dem ferneren Osten kamen. Heute hat sich nicht nur die Handelspalette verändert und verbreitet, mit der Folge, dass Deutschland Schwedens wichtigster Handelspartner ist, wir sind auch durch unzähligen Direktinvestitionen, Hunderte von deutschen und schwedischen Unternehmen hüben und drüben miteinander verbunden. Und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind viel größer.

Die Kanzlerin hat gemeinsam mit Ministerpräsident Löfven daher auch ein deutsch-schwedisches Technologieforum besucht. Das Forum ist eine neue Innovationsplattform, welche zu mehr Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen in Deutschland und Schweden beitragen soll. Initiatoren des Forums sind die Deutsch-Schwedische Handelskammer und die Königlich Schwedische Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA).

Deutschland und Schweden stehen angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel gemeinsam vor großen technologischen Herausforderungen für ihre hochentwickelten Industrien. Die Digitalisierung verändert massiv unser Leben, unser Arbeiten, unsere Kommunikation und auch unser Denken.

Auch in unserem Alltag und in unserer Arbeitswelt spielen diese Fragen eine große Rolle. Wir müssen uns in beiden Ländern auch gemeinsam darum kümmern, was die Digitalisierung für unsere Arbeitswelt bedeutet und welche Art von Arbeitsrecht wir brauchen. Dies ist gerade auch in Schweden, einem Land mit einer großen Tradition der Mitbestimmung von Arbeitnehmern  von Bedeutung.

Schweden und Deutschland gehören zu den innovationsstärksten Ländern der Europäischen Union, in der Welt. Das zeigen die Rankings der UNO und des Weltwirtschaftsforums. Schweden gibt 3,5 Prozent des BIPs für Forschung aus. Deutschland steht dahinter. Wir können eigentlich stolz darauf sein, aber beide Länder müssen ihre hohe Innovationskraft weiterentwickeln und ihre Produktionssysteme auch durch Vernetzung permanent verbessern, um die Produktivität zu erhöhen und die breite industrielle Basis im globalen Wettbewerb nicht zu verlieren.

Mit Forschung und Bildung legen wir die Grundlagen für unsere Produktivität und die Möglichkeit, auch künftig wettbewerbsfähige Produkte herzustellen, was wiederum die Grundlage für unseren Wohlstand ist.

Beide Länder wollen nun, wie es bei dem Technologieforum angedacht wurde, zu einer Innovationspartnerschaft zusammenfinden und haben zunächst die Themen Mobilität, Smart Industry, d.h. Forschungsfazilitäten für die Digitalisierung der Industrie, die Digitalisierung von KMU und E-Health  in den Vordergrund gestellt. In einigen Bereichen gibt es schon gute Erfahrungen, z.B. die Elektrifizierung von Autobahnen, die Siemens in Schweden mit Scania erprobt hat. Nun will Siemens auch in Deutschland und in anderen Ländern diese Versuchsstrecken ausbauen.

Als führende Innovationsnationen mit einem traditionell engen Austausch in Wirtschaft und Wissenschaft sind unsere Länder nämlich geborene Partner, sich den Herausforderungen gemeinsam zu stellen, Synergien zu schaffen und ihre Komplementarität zu nutzen. Hierfür müssen wir gemeinsam werben.

Lassen Sie mich noch ein Thema ansprechen, das mir bei meiner Arbeit in Schweden wichtig ist: die deutsche Sprache. Wenn wir von Bildung sprechen, dann meine ich gehört es dazu, dass wir mehr können müssen als auf Englisch zu kommunizieren. Man muss den anderen auch verstehen.  Die Sprache ist das beste Mittel die Kultur, die Mentalitäten und die Eigenheiten eines Landes zu begreifen. Auch wenn man nachvollziehen kann, warum die angelsächsische Sprache und Kultur weithin manchen Menschen zu einer zweiten Natur wird, lohnt es sich in Bildungsnationen wie Schweden und Deutschland mehr in den kulturellen Reichtum und die Vielgestaltigkeit Europas zu investieren. Auch das ist, m.E., eine Investition in die Zukunft.

Es studieren mehr als drei Mal so viele Deutsche in Schweden als Schweden in Deutschland. Frau Ministerin, vielleicht lohnt es sich auch hier von Mecklenburg-Vorpommern aus, mehr Studenten aus Schweden zu werben. Wir müssen – auf allen Ebenen – ohne Zweifel mehr für die Jugendkontakte aus Schweden nach Deutschland tun.       

Meine Damen und Herren,

Wir leben imFrieden; die globale Anspannungdes Kalten Krieges istund die Mauer zwischen Ost und West in Europa ist lange weg.Aber Herausforderungen, rund um die Ostsee bestehen weiter. Als ich vor 17 Jahren dem Ausschuss des Ostseerats vorsaß, dachte ich, dass wir im politischen Bereich doch mehr Fortschritte machen könnten. Es hatte nicht sein sollen.

Der Oblast Kaliningrad ist heute abgeschlossener denn je.  Die Beziehung der baltischen Staaten mit Russland haben sich zur zeitweilig weiter entspannt. Aufgrund der Gefährdung der europäischen Friedensordnung durch die Annexion der Krim und die Einmischung im Donbass ist sogar eingetreten, was ich nicht für möglich gehalten hätte:  im Rahmen des Nato Programms eFP stehen deutsche Soldaten seit wenigen Monaten auch im Baltikum, in Litauen.

Zugleich hat sich ein dichtes Geflecht an zivilgesellschaftlichen, kommunalen und regionalen Beziehungen in der Region entwickelt.

Wir sollten aber diese guten Elemente der Entwicklung im Ostseeraum, die Beziehungen zwischen den Städten, den Menschen weiter stärken. Außenminister Gabriel hat jüngst bei der Außenministertagung des Ostseerats am 20 Juni erneut zur Stärkung der Zusammenarbeit im Ostseeraum aufgerufen.

Wir müssen darauf vertrauen, dass dieser Dialog auch über die Grenzen der EU hinaus seine Früchte säht und wir sie eines Tages ernten können. Für jemanden, wie mich, der schon 1984 in Moskau gearbeitet hat, vor Perestrojka, Glasnost und Mauerfall, ist klar: wir müssen unsere politische Agenda fortsetzen, unseren Werten vertrauen, an ihnen festhalten und – zugleich -  den Dialog auch mit Russland weiterführen.

Zudem hat das Auswärtigen Amt im Juni auch das Jahresforum der EU- Ostseestrategie mit hunderten von Teilnehmern in Berlin ausgerichtet. Der EU geht es auch darum, die regionale Identität weiter zu stärken und den Wohlstand der Region zu mehren. In sehr interessanten Workshops – und dies ist auch auf der Webseite des Auswärtigen Amtes abrufbar – wurde auch auf die Vielzahl unterschiedlicher Finanzierungsmöglichkeiten hingewiesen, die es für transnationale Projekte in der Region gibt.

Ich wünsche mir, dass gerade deutsche und schwedische Kommunen und Nicht-Regierungsorganisationen davon mehr Gebrauch machen.

Für Deutschland und für Schweden ist die EU Bezugsrahmen ihrer Politik. Dies ist in beiden Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt. In beiden Ländern hat aber nicht zuletzt der Brexit dazu beigetragen, die Bedeutung der europäischen Strukturen für ein erfolgreiches Wirtschaften und bürgerfreundlicher Nähe der Staaten untereinander zu unterstreichen. Es wird uns jetzt klarer, wie wir von der Unkompliziertheit im Reisen, im Geschäftemachen, in der Entwicklung unserer Lebensentwürfe nach unseren Vorstellungen profitieren.

Beide Regierungen arbeiten eng zusammen, um als Hauptzielländer für Flüchtlinge die Mängel zu beheben und die Lücken zu schließen, die es in der EU gibt: die Sicherung gemeinsamer Außengrenzen und die Schaffung einer gemeinsamen Asylpolitik. Es ist im Interesse unserer beiden Länder, dass das Schengensystem wieder funktioniert. Es ist in unserem Interesse, dass das Wort Solidarität, von dem ich während der Vorbereitung auf die Aufnahme Polens in die EU in Warschau so viel hörte, wieder einen umfassenderen Sinn erhält. Und wir haben auch gemeinsam ein Interesse, dass unsere recht gut funktionierenden Sozialsystem weiterhin stark und gerecht bleiben. Wir müssen die EU weiterentwickeln und dies wird auch geschehen.

Meine Damen und Herren,

Hier in Wismar haben Sie ein erfolgreiches Beispiel von Branding vorgenommen. Wismar, das gemeinsam mit Stralsund UNESCO – Weltkulturerbestadt ist, hat mit dem Schwedenfest die Beziehungen zu Schweden zu ihrem Markenzeichen erhoben. Dies ist nicht nur stadtpolitisch sinnvoll, aber trägt auch darüber hinaus zur Bedeutung unserer Beziehungen bei. Ich wünsche Ihnen, den Menschen in Wismar und in Mecklenburg gutes Gelingen bei der weiteren Entwicklung Ihrer Beziehungen nach Schweden, zu Ihrer Partnerstadt Kalmar und in den Ostseeraum generell.

Ich habe im Programm gesehen, dass wir jetzt gemeinsam „Freude, schöner Götterfunken“ singen werden. Da ist die schöne Zeile: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein…“ Wismar ist es mit diesem Fest gelungen, viele Freunde in Schweden aber auch in Deutschland zu finden. Ich freue mich mit Ihnen darüber und wünsche Ihnen weitere  so warmherzige Schwedenfeste in der Zukunft!